Interview mit Alexander Komar

© Alexander Komar

Alex und Alina möchten den Menschen auf spielerische Weise gesellschaftliche Themen näher bringen. Dazu haben sie „DuEntdecker“ aus der Taufe gehoben und mit dem über Startnext finanzierten „Das Gesellschafts-Spiel“, das Thema „Bedingungslose Grundeinkommen“ in einem Gesellschaftsspiel umgesetzt. Um möglichst vielen Menschen einen Zugang zu ihrem Spiel zu ermöglichen, kann man es auf ihrer Webseite nicht nur kaufen, sondern es sich auch einfach mal für einen Monat ausleihen. Wir haben uns mit Alex unterhalten.

 

Peer: Hallo Alex, vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst. Bitte stell dich und euer Team unseren Lesern vor.

Alex: „DuEntdecker“, das sind meine (noch) Verlobte (bald Frau), Alina, und ich, Alex. Wir möchten auf spielerische Weise den Menschen interessante gesellschaftliche Themen näher bringen und ihnen ermöglichen, ihre persönliche Rolle, aber auch ihre Potentiale zu entdecken. Mit „Das Gesellschafts-Spiel“ haben wir uns dem politischen Thema „bedingungsloses Grundeinkommen“ gewidmet, ein Konzept, das wir uns für die deutsche Gesellschaft gut vorstellen können und von dem wir glauben, dass es eine mögliche Lösung für viele Herausforderungen unserer heutigen, aber vor allem zukünftigen, digitalen Arbeitswelt darstellen kann.

Peer: Warum habt ihr gerade das bedingungslose Grundeinkommen als Thema für euer erstes Spiel gewählt?

Alex: Uns hat die Frage nach der Motivation der Menschen fasziniert. „Was würdest du tun, wenn für dein Einkommen gesorgt wäre?“ Diese eher abstrakte Frage, welche sich im Zusammenhang mit dem bedingungslosen Grundeinkommen stellt, wollten wir die Menschen für sich beantworten lassen. Auf Reisen gehen? Sich sozial engagieren? Sich weiterbilden? Oder doch einfach weiterarbeiten? Wie würde das Leben aussehen, wenn man nicht zur Erwerbsarbeit gezwungen werden würde? Und wie würden die Mitmenschen darauf reagieren? Das wollten wir spielerisch erfahrbar machen und die Leute zum Nachdenken und Diskutieren anregen.

Peer: Was für Voraussetzungen müssten geschaffen werden, damit ein bedingungsloses Grundeinkommen überhaupt in Deutschland eingeführt werden könnte?

Alex: Bewusstsein schaffen, Ängste und Vorurteile nehmen und neugierig machen. Das ist unserer Meinung nach die Voraussetzung dafür, dass eine solche Idee in unsere Gesellschaft findet. Der nächste Schritt wäre es, praktische Konzepte auszuarbeiten und Umsetzungsvorschläge zu entwickeln. Wenn die Menschen wissen, wie das bedingungslose Grundeinkommen funktioniert und welche Veränderungen es mit sich bringt, werden sie sich ganz von selbst dazu entscheiden können und die Politik wird mit den Bürgern mitziehen.

Peer: Was sind die größten Vorurteile und Ängste, denen ihr bisher begegnet seid?

Alex: Vielfach begegnet uns das Vorurteil, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht zu bezahlen sei. Tatsächlich gibt es aber eine Vielzahl von Modellen, die bereits von etlichen Volkswirten berechnet wurden. Es kommt ganz darauf an, für welches von über 40 Modellen man sich am Ende entscheidet, ob das Grundeinkommen ein Nullsummenspiel ist oder tatsächlich ein bisschen Geld kostet. Wäre es nicht gut, sich erst einmal darauf zu einigen, dass die Sicherung der Existenz notwendig und sinnvoll ist und dann erst die verschiedenen Modelle zu diskutieren?
Eine häufige Angst ist, dass viele Menschen glauben, die anderen würden nicht mehr arbeiten. Jedoch ist Arbeit mehr als Gelderwerb. Wir brauchen sie auch, um an der Gesellschaft teilzuhaben. Zudem kann Arbeit auch anders aussehen als klassische Erwerbsarbeit. Und tatsächlich zeigen Studien, dass über 90% der Bevölkerung weiterhin arbeiten würden – vielleicht weniger oder etwas anderes, aber nur faul herumliegen würde kaum einer.

Peer: Kommen wir zu eurem Spiel. Spiele haben ja auch immer ein konkretes Ziel, dass es zu erreichen gilt, um zu gewinnen. Wie ist das bei euch? Was muss oder kann ein Spieler tun, um in eurem Spiel zu gewinnen?

Alex: Bei Das Gesellschafts-Spiel geht es darum, gemeinsam gesellschaftliche Ziele zu erreichen. Jeder Spieler engagiert sich in der Gesellschaft auf die Art und Weise, wie er es für richtig hält. Dazu entscheiden die Spieler, die bei uns auch Bürger heißen, in welchem Umfang sie erwerbsarbeitstätig sein möchten: In Vollzeit, in Teilzeit oder auch gar nicht – was nur möglich ist, weil man durch das bedingungslose Grundeinkommen abgesichert ist. Je nachdem, wie sich die Bürger entscheiden, haben sie unterschiedliche Voraussetzungen um in ihrem Leben und in der Gesellschaft Dinge anzupacken. So hat jemand ohne eine Erwerbsarbeit mehr Zeit für eigene Belange und Projekte, während jemand, der in Vollzeit berufstätig ist, eher kleinere Aufgaben erledigen kann, weil er weniger Zeit zur Verfügung hat. Man merkt dann sehr schnell, dass man alle Konstellationen an Erwerbs- und Nichterwerbstätigen in einer funktionierenden Gesellschaft benötigt, um Großes zu bewirken. Bei unserem Spiel heißt das konkret: Je nachdem, wie man erwerbsarbeitstätig ist, kann man unterschiedliche Karten ausspielen. Durch das Ausspielen der richtigen Karten können die Bürger dann gemeinsam zu Gesellschaftszielen in solchen Bereichen wie „Demokratie“, „Nachhaltigkeit“, „Tierschutz“, „Gesundheit“, usw. beitragen. Haben die Bürger alle für die Spielrunde festgelegten Ziele erreicht – die Ziele werden ausgewürfelt und ändern sich so von Spiel zu Spiel – ist das Spiel gewonnen.

Peer: Wie seid ihr an die Entwicklung des Spiels herangegangen? Was war das erste, das ihr für das Spiel entwickelt habt?

Alex: Wir haben uns für das Spiel sehr genau mit dem bedingungslosen Grundeinkommen beschäftigt und uns fiel ziemlich schnell auf, dass die Idee zwar simpel ist, es aber unendlich viele Möglichkeiten gibt, wie man diese in ein Spiel verpacken kann. Unser Anspruch war, dass es gut spielbar ist, Anregungen liefert und Spaß macht, ohne die Spieler zu sehr zu überfordern. Auf den finanziellen Aspekt haben wir zum Beispiel komplett verzichtet, denn uns ging es viel mehr um die grundlegende Frage, was die Menschen so anstellen würden, wenn sie das bedingungslose Grundeinkommen hätten.
Bei der Entwicklung sind wir ganz pragmatisch drangegangen. Zuallererst haben wir ein grobes Konzept aufgezeichnet und versucht das Thema mit klassischen Brettspielelementen zu repräsentieren: Spielbrett, Spielfiguren, Karten, Würfel, usw. Der erste konkrete Schritt war dann, das Spielbrett und die ersten Karten inhaltlich zu gestalten. Und auch das Design haben wir an der Stelle schon in erster Version entwickelt. Aufgeschriebene Regeln gab es da noch keine. Da hat sich über die kommenden Monate noch viel getan und verändert.

Peer: Gab es Augenblicke an denen es nicht weiterzugehen schien? Was habt ihr dann gemacht?

Alex: Eigentlich nicht. Nachdem wir die grundlegende Basis für das Spielkonzept stehen hatten, entwickelte sich das Spiel fast wie von selbst und alle weiteren Änderungen, Anpassungen und Verfeinerungen kamen dann nach und nach bei den Spielrunden mit unseren Freunden und unserer Online-Community. Dafür möchten wir uns auch nochmal ganz herzlich bei allen bedanken, die uns bei der Entwicklung mit tollen Ideen und motivierenden Worten beigestanden haben!

Peer: Wie genau habt ihr die Online-Community eingebunden?

Alex: Wir haben noch vor unserem Crowdfunding angefangen, eine Fan-Community auf Facebook aufzubauen. Dort haben wir die Leute regelmäßig nach ihrer Meinung gefragt und uns Anregungen geben lassen.

Während der Crowdfunding-Kampagne haben wir einen Ideenwettbewerb für unsere Aktionskarten gestartet und dabei ganz viele tolle Vorschläge geschickt bekommen. Einige dieser Vorschläge haben wir dann in das Spiel mit aufgenommen und die Ideengeber namentlich auf den entsprechenden Karten genannt.

Ganz viele wichtige Impulse haben wir bei unseren Testspielrunden erhalten, die wir deutschlandweit organisiert haben und persönlich in die verschiedenen Städte gefahren sind, um dort mit einzelnen Fans und Unterstützern den Prototypen zu spielen. Durch dieses Feedback hat das Spiel seinen Feinschliff erhalten.

Peer: Wie haben eure Freunde darauf reagiert, dass sie ein Spiel zum Bedingungslosen Grundeinkommen ausprobieren sollten? Gab es Vorurteile?

Alex: Die meisten hatten von uns schon von dem Thema einiges mitbekommen und waren gespannt darauf zu erfahren, wie wir das in eine Spielform gepackt haben. Allerdings wurden wir von ihnen auch mit kritischen Fragen gelöchert, auf die wir dann erst einmal die richtigen Antworten finden mussten. Das war für uns eine Chance noch tiefer in das Thema einzudringen und uns mit den Vor- und Nachteilen eines bedingungslosen Grundeinkommens zu befassen. Unser Ziel war es nie und ist es auch heute nicht, die Leute gänzlich vom bedingungslosen Grundeinkommen zu überzeugen, sondern sie dazu anzuregen, sich ihre eigene Meinung dazu bilden zu können und Alternativen zu unserem jetzigen Gesellschaftssystem zu durchdenken und abweichende Vorstellungen zulassen zu können.

Peer: Wie lange habt ihr von der Idee bis zur Veröffentlichung des Spiels insgesamt daran gearbeitet?

Alex: Die erste Idee zum Spiel hatten wir Anfang 2015. Im Juli 2015 haben wir beschlossen, das Projekt zu realisieren und im Juli 2016 ging das Spiel endlich in die Produktion. Insgesamt also etwa 1,5 Jahre, wobei die Arbeit im ersten halben Jahr hauptsächlich darin bestand, die Idee mit uns zu tragen und abzuwägen, ob und wie wir es denn anpacken wollen. Dabei sind schon so viele kleine Ideen entstanden, dass wir im Juli 2015 dann auch zügig ein erstes Konzept entwickeln konnten. Die Lieferung aus der Druckerei kam dann Mitte August und die offizielle Veröffentlichung war erst Anfang September.

Peer: Ihr habt euer Spiel über Crowdfunding finanziert. War dies von Anfang an euer Plan oder habt ihr auch im Vorfeld mit Verlagen über euer Spiel gesprochen? Was für Erfahrungen habt ihr mit Crowdfunding gemacht?

Alex: Die Crowdfunding-Idee hat uns und das Spielprojekt von Anfang an begleitet. Wir haben schon vor dem Beginn der Spielentwicklung einige interessante Crowdfunding-Kampagnen selbst unterstützt und finden diese Art der Projektfinanzierung eine wunderbare Möglichkeit, um die Unterstützer frühzeitig in den Umsetzungsprozess einzubinden und auch zu schauen, wie die Leute auf die Projektidee reagieren. Vor dem Start der Kampagne haben wir uns sehr ausführlich mit dem Thema auseinandergesetzt und sind so mit realistischen Vorstellungen hineingegangen. So war es uns schon vorher ganz klar, dass so eine Kampagne kein Selbstläufer sein wird und wir viel Energie und Zeit reinstecken müssen, damit diese erfolgreich wird. Das hat dann auch wirklich sehr viel Spaß gemacht, auch wenn es mal anstrengende und mal frustrierende Situationen gab, und wir haben viel dabei gelernt. Dadurch konnten wir den gesamten Prozess, von Konzept über Design und Marketing bis hin zum Vertrieb, selbst gestalten und waren an keine Vorgaben eines Verlags gebunden.

Peer: Was ratet ihr anderen Autoren, die sich mit Crowdfunding beschäftigen und darüber ihr Spiel finanzieren möchten?

Alex: Crowdfunding ist eine großartige Chance, um eigene Ideen umzusetzen. Man sollte sich nur darüber im Klaren sein, dass es sehr viel Arbeit ist, eine erfolgreiche Kampagne zu führen. Wenn man sich für diesen Schritt entscheidet, dann sollte man das sehr gut durchdenken und sich bereits Monate vor dem Kampagnenstart an die Arbeit machen und Fans und Unterstützer für das eigene Projekt gewinnen. Wenn man sich aber mal rantraut und einen strukturierten Plan zurechtlegt, dann wird man auch viel Spaß am Prozess haben!

Peer: Kannst du uns einen Ausblick darauf geben, was ihr mit dem Spiel noch vorhabt?

Alex: Wir möchten Das Gesellschafts-Spiel in so viele Hände wie möglich bringen. Seit einigen Wochen bieten wir es zum Beispiel zum Ausleihen an. Auf unserer Webseite www.das-gesellschafts-spiel.de kann jeder der Interesse hat ein Formular ausfüllen, und erzählen was er damit vor hat und wir schicken es demjenigen einfach zu. Besonders den Einsatz an Schulen oder in Kursen zu sozialen Themen möchten wir damit unterstützen. Ein anderer Gedanke mit dem wir aktuell spielen, ist die Übersetzung des Spiels in die englische Sprache. Je mehr Leute das Spiel verstehen und spielen können, desto besser!

Peer: Einfach so? Besteht da nicht die Gefahr, dass die Ausleiher es einfach behalten?

Alex: Nun, nicht ganz einfach so. Wir bitten um ein kleines Pfand in der Höhe von 10€ und um Unterstützung. Dabei kann die Unterstützung auch komplett geldfrei sein. Wir freuen uns darüber, wenn die Spieler von Das Gesellschafts-Spiel weitererzählen und ihr Umfeld dazu anregen, es auch mal auszuprobieren. Ansonsten vertrauen wir unseren Fans und Unterstützern und bisher wurde unser Vertrauen nicht enttäuscht.

Peer: Wie lange bietet ihr das Ausleihen schon an und wie wird dieses Angebot angenommen?

Alex: Seit Mitte Oktober kann man das Spiel bei uns ausleihen und es haben sich schon so einige bei uns gemeldet, die das Spiel sowohl im privaten Kreis wie auch im Veranstaltungsrahmen nutzen möchten. Wir haben viele positive Stimmen zu unserer Verleihaktion bekommen und es freut uns sehr, dass die Leute das Angebot so gut annehmen.

Peer: Was kommt für euch nach Das Gesellschafts-Spiel?

Alex: Wir haben ganz viele Spielideen, die wir gerne umsetzen würden. Das Spiel ist ein tolles Werkzeug, um alle möglichen Themen aus den kulturellen und sozialen Bereichen an die Menschen zu transportieren. Wir möchten also weiterhin relevante Ideen erfahrbar machen und die Leute mit Spaß und Freude an sie heranführen. Aber auch mit Das Gesellschafts-Spiel haben wir noch einiges vor. Man kann also auf jeden Fall gespannt sein.

Peer: Was sind eure derzeitigen Lieblingsspiele?

Alex: Wir sind Gelegenheits- und Allesspieler. Unsere Sammlung an Brett- und Gesellschaftsspielen ist überschaubar, aber wir haben unsere „Favorites“. Istanbul ist zum Beispiel so ein Dauerbrenner bei uns. Und wir sind süchtig nach Wizard. In den kommenden Wochen freuen wir uns drauf, Cottage Garden, das neue Spiel von Uwe Rosenberg, welches im kleinen Verlag Edition Spielwiese erschienen ist, anzuspielen. Und wenn alles versagt, dann wird auch mal das gute alte Schachbrett wieder hervorgeholt.

Peer: Die letzten Worte gehören dir!

Alex: Vielen Dank für das schöne Interview! Wir hoffen, dass Das Gesellschafts-Spiel in der Brettspiel-Szene ankommt und die Menschen viel Freude mit unserem Spiel haben. Auch hoffen wir, dass die Spieler auf diese Weise einen besseren Zugang zum bedingungslosen Grundeinkommen finden und sich eine eigene Meinung zu diesem Thema schaffen können. In jedem Fall sind wir sehr Dankbar über die großartige Unterstützung unserer Community und freuen uns auf alles, was die Zukunft für unser Spiel-Projekt bringt.

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Blogger, Lektor & Übersetzer. Leidenschaftlicher Spieler von Gesellschaftsspielen. Gründer von erklaerpeer.de.
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