Interview mit Till Engel

© Till Engel

Angefangen hat bei Till Engel alles mit Computerspielen, bis er irgendwann mit Brettspielen in Berührung kam. Nur selber zu spielen reichte ihm allerdings nicht und so begann der staatlich anerkannte Erzieher selbst ein Brettspiel zu entwickeln. Zur Zeit läuft auf Kickstarter seine zweite Crodwfunding-Kampagne, um sein Spiel weiter auszubauen. Wir haben die Gelegenheit genutzt und uns ein wenig mit Till unterhalten.

Peer: Hallo Till, vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst. Bitte stell dich unseren Lesern einmal vor.

Till: Hallo, mein Name ist Till Engel, ich stamme aus dem Baujahr 91, bin staatlich anerkannter Erzieher und habe von 2016 bis 2018 neben der Arbeit als Erzieher mein erstes eigenes Brettspiel entwickelt. Zu Anfang noch alleine, aber über die Zeit ist das Team hinter dem Projekt gewachsen. Inzwischen sind daran ein gutes Dutzend Leute beteiligt.
Tatsächlich haben auch die Kinder meiner damaligen Einrichtung ab 2017 regelmäßig mitentwickelt, getestet und gespielt, was enorm viel Spaß gemacht hat.
2018 habe ich „Adellos – first Edition“ dann pünktlich zur SPIEL18 drucken lassen, um es dort erstmalig zu veröffentlichen.

Peer: Du hast es ja bereits angesprochen, Adellos ist dein erstes Brettspiel. Worum geht es in Adellos?

Till: Jeder Spieler steuert eine andere Fraktion mit individuellen adligen Anführern und versucht die Adligen der anderen Spieler aus dem Spiel zu werfen. Das Spiel kann entweder durch ein KO-System gewonnen werden oder durch ein King of the Hill System, bei dem das in der Mitte des Spielfeldes angesiedelte Bonus-Feld für einige Runden gehalten werden muss. Die durchschnittliche Spieldauer bei 4 Spielern beträgt 45 Minuten. Bei 2 Spielern ungefähr 20. Das Spiel ist in einem Fantasy-Mittelalter Setting angesiedelt.
Interesse an diesem Spiel dürften alle Fans von taktiklastigen Brettspielen haben. Die vielen Einheiten, die jeder Spieler steuern kann, zeichnen sich durch zum Teil einzigartige Fähigkeiten aus, die einen Einfluss auf das Kampfgeschehen und den Spielablauf haben. Um dem Spiel einen kleinen Glückseffekt zu verpassen, gibt es noch Ereigniskarten, die Spieler ziehen und ausspielen dürfen, um ihre Gegner zu stören oder sich selbst einen Vorteil zu verschaffen.

Peer: Was hat es mit dem Titel Adellos auf sich, übernimmt man in deinem Spiel doch die Rolle von Adligen?

Till: Es gibt tatsächlich mehrere Origin-Storys für den Namen. Eine davon ist, dass sich die Adligen auf der Schlacht nur wenig adlig um die Ecke bringen, mit List und Verrat. Eine andere Erklärung ist, dass Adlige ein Los haben. Los im Sinne von Schicksal, also das Los der Adligen – das Adellos. Es gibt noch mehrere Herleitungen für den Namen. Fakt ist aber, dass ich den Namen des Spiel „Ohne Furcht und Adel“ super cool fand, und mich bei Adellos an diesem Titel orientiert habe.

„Ich bekam dabei allerdings zusehends das Gefühl, dass das Brettspiel, dass ich am liebsten selber spielen würde, noch nicht zu existieren scheint.“

Peer: Was genau hat dein Interesse am Spieldesign geweckt?

Till: Ich spiele unglaublich gerne und schon sehr lange, seit ich ein Kind bin eigentlich. Aufgewachsen bin ich in erster Linie mit Strategie-Spielen wie Anno, Settlers 3 & 4 und Warcraft 3. Großen Einfluss auf mich hatten aber auch die „Heroes of Might and Magic“ Spiele und „Battle for Wesnoth“. In den letzten Jahren hat sich zum PC spielen dann noch vermehrt die Lust gesellt, Brettspiele zu spielen. Dominion und Scythe haben mich da sehr fasziniert. Ich bekam dabei allerdings zusehends das Gefühl, dass das Brettspiel, dass ich am liebsten selber spielen würde, noch nicht zu existieren scheint. Da war die Idee geboren, ein eigenes Spiel zu erschaffen.

Peer: Welche Mechanismen sprechen dich in Brettspielen am meisten an?

Till: Area Control, Deck-Building, Push your Luck & Worker-Placement. In der Reihenfolge!

Peer: Wie bist du vorgegangen, wusstest du damals schon genau wie Adellos später einmal aussehen sollte?

Till: Nein, Adellos sah zu Beginn der Entwicklung noch komplett anders aus.
Die Figuren waren anfangs z.B. quadratisch und kamen nicht, wie jetzt als Hexagone daher. Auch gab es damals nur 1 Fraktion und jeder Spieler hat dieselben 10 Figuren zur Auswahl gehabt.
Die Entscheidungen 4 unterschiedliche Fraktionen zu verwenden und das Spielfeld auf ein Hexagon-Raster zu setzen habe ich getroffen, nachdem mir diese Vorschläge von Teammitgliedern zugeraunt wurden. Beratung über die ich sehr glücklich bin, denn das Endprodukt ist deutlich besser geworden, als das Spiel geworden wäre, dass ich komplett alleine gebaut hätte.

Peer: Du hast es ja eingangs schon erwähnt, neben deinem Team haben auch die Kinder aus deiner damaligen Einrichtung mitgeholfen. Habt ihr öfter zusammen Brettspiele gespielt, oder wie ist das Ganze zu Stande gekommen?

Till: Nein, vor Adellos hatten die Kinder kein sonderlich großes Interesse an Brettspielen. Ich habe im Rahmen von Smalltalk einem der Kids mal erzählt, dass ich gerade an einem eigenen Spiel arbeite und das hat sich dann wie ein Lauffeuer verbreitet. Schon in der nächsten Woche wusste der halbe Hort davon und die Kinder fragten, ob ich mein Spiel nicht mal mitnehmen könne. Das tat ich und kaum lag das Spiel auf dem Tisch waren die Kids angefixt. Von diesem Zeitpunkt an, waren sie an jedem Entwicklungsschritt beteiligt, haben mit mir neue Testdrucke ausgeschnitten und das Spiel fast jeden Tag für mehrere Stunden gespielt. Ich kann mich äußerst glücklich schätzen, dass die Kinder mein Spiel so begeistert mit entwickelt haben, denn sie waren eine kostenlose Beta-Testing Gruppe.

Peer: Haben sie mittlerweile schon das fertige Spiel spielen können? Wie waren ihre Reaktionen?

Till: Nein, leider bin ich umgezogen und die Kids konnten das Spiel so nicht mehr in meinem Beisein spielen, ich kenne ihre Reaktion also nicht, wenngleich ich mir vorstellen kann, dass sich einige das Spiel tatsächlich gekauft haben. Ich habe mir aber fest vorgenommen die Pappnasen nochmal zu besuchen!

„Ich hielt es also für sinnvoll, eine deutsche Website zu nutzen, bei der man sich nicht anmelden und keine Kreditkarte besitzen muss.“

Peer: Um dein Spiel zu finanzieren hast du wie viele andere Autoren auf Crowdfunding gesetzt und im speziellen auf die deutsche Plattform Startnext. Warum hast du dich gerade für Startnext entschieden und was für Erfahrungen hast du mit Crowdfunding gemacht?

Till: Der ursprüngliche Gedanke hinter der Entscheidung mit Startnext eine deutsche Crowdfunding Seite zu verwenden, anstatt des klassischen Kickstarter-Projekts, war, dass ich zu dem damaligen Zeitpunkt eine ausschließlich deutsche Crowd hatte. Ich hielt es also für sinnvoll, eine deutsche Website zu nutzen, bei der man sich nicht anmelden und keine Kreditkarte besitzen muss. Das es auf Kickstarter einfach schon eine ziemlich große Brettspiel-Gemeinschaft gibt, die Startnext nicht mal im Ansatz hat, hatte ich dabei nicht bedacht. Nichtsdestotrotz hat die Kampagne auf Startnext ja funktioniert. Wenn auch gerade so. Ich werde Startnext allerdings in Zukunft nicht mehr nutzen, nicht weil die Website schlecht wäre oder so, sondern weil sie eher nicht auf Brettspiele abgezielt ist.

Peer: Das fertige Spiel ist dann aber doch zweisprachig erschienen bzw. enthält englisches Material und zusätzlich eine deutsche Anleitung. Wie kam es zu dieser Änderung?

Till: Es gab für Adellos ganz grob 2 Entwicklungs-Phasen. In der 1. war das Spiel noch komplett auf Deutsch. Während der zweiten Entwicklungsphase, in der wir z.B. jedem Spieler eine andere Fraktion gebaut haben, anstatt alle Spieler mit der gleichen Fraktion spielen zu lassen und in die Spielfelder sechseckig wurden, anstatt viereckig, haben wir uns auch entschieden, das Spiel englisch zu machen, um einen internationalen Markt anzusprechen. Allerdings haben wir unterschätzt, wie abschreckend englisch auf deutsche Spieler wirken kann. Eine Erfahrung, die mich dazu führte, via Kickstarter Kampagne auch eine deutsche Version nochmal anzustreben.

Peer: Das heißt es gab entsprechendes Feedback von den Unterstützern der Startnext-Kampagne oder erst als ihr auf der SPIEL wart?

Till: Das Feedback zur Sprache kam erst auf der SPIEL18 in dem Ausmaß auf den Tisch.

Peer: Wird es außer der deutschen Version noch etwas im Kickstarter geben? Hast du dir schon Gedanken zur Zukunft von Adellos gemacht?

Till: Zu den Verbesserungen gehören eine zusätzliche separate Spielkarte für zwei und drei Spieler (wurde sehr viel nachgefragt), ein passendes Inlay für die Box, eine größere aktualisierte Version der 4-Spieler-Karte sowie einige kleinere Details wie Custom Würfel anstelle von den aktuellen Pappteilen. Einige Ereigniskarten, die aufgrund von Finanzierungslimits nicht fertiggestellt werden konnten, werden zusammen mit einem neuen Adeligen für jede Fraktion und einigen Bonusregeln oder optionalen Regeln, die nach der Produktion von Adellos entwickelt wurden, zurückgebracht. In Planung ist eine Erweiterung für Adellos, die 2 neue Fraktionen zum Spiel hinzufügen soll. Und damit ein 2-6 Spieler Spiel erlaubt.

Peer: Kommen wir zum Abschluss noch auf die SPIEL zu sprechen. Du warst letztes Jahr das erste Mal dort. Wie hast du Messe wahrgenommen?

Till: Unglaublich groß, laut und überwältigend. Aber auch sehr spannend und aufregend. Ich habe gleich mehrere inzwischen befreundete Autoren getroffen und viel gelernt. Allerdings auch viel Geld berappt, das Ganze ist echt nicht günstig.

Peer: Gab es für dich dort ein ganz besonderes Highlight?

Till: Das Entwickler Duo von Crimson Company habe ich dort kennen gelernt, die sind ziemlich dufte Typen.

Peer: Die letzten Worte gehören dir.

Till: Zum Schluss möchte ich gerne noch auf die aktuell laufende Kickstarter-Kampagne von Adellos aufmerksam machen, mit der wir versuchen die von der Spieler-Community entwickelten Verbesserungen für das Spiel umzusetzen. Die Kampagne läuft vom 5.3 bis zum 9.4! Danke für deine Zeit und das angenehme Interview.


Brettographie von Till Engel

  • Adellos (2018)

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Blogger, Lektor & Übersetzer. Leidenschaftlicher Spieler von Gesellschaftsspielen. Gründer von erklaerpeer.de.
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