Vorgestellt – Barony

Mit welchem Thema schreckt man mich am besten ab? Richtig. Mittelalter, Pferde, Ritter und Burgen. Doch so bieder manch ein Spiel – in diesem Fall Barony – auch aussieht; manchmal hat es das Konzept dahinter faustdick hinter den Ohren. Ob Barony auch zu dieser Kategorie gehört, haben wir für euch getestet.

Barony wurde uns freundlicherweise von Matagot kostenlos zur Verfügung gestellt. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf die Wertung des Spiels.

Überblick

Die Spielschachtel ist prall gefüllt und enthält neben einem Regelblatt mehrere Spielerreferenztableaus, ein Punktetableau, eine Unzahl an Pappmarkern und Spielplanteilen sowie eine gefühlte Tonne an Holzteilen in 4 Spielerfarben. Die Pappteile sind dick und robust gefertigt, und auch die Holzteile kommen ohne Splitter und Farbplatzer aus. Das Spiel ist in einem geerdeten Mittelalterthema angesiedelt, insofern wirkt das Artwork zunächst recht unspektakulär und unauffällig.

In Barony übernimmt jeder Spieler die Rolle einer Adelsperson, die vom einfachen Landadel zu einer wichtigen Persönlichkeit in den höheren Gefilden der Reichen und Mächtigen aufsteigen möchte. Dazu kommandieren die Spieler Ritter, um den modular aufgebauten Spielplan zu erobern, Dörfer zu Städten auszubauen, Ressourcen zu sammeln und ihren Gegenspielern all das streitig zu machen.

Mein Dorf, meine Stadt, meine Ritter

Noch ist Platz...

Noch ist Platz…

Zu Beginn des Spiels verteilen die Spieler eine kleine Handvoll ihrer Ritter, Dörfer und Städte auf dem Spielplan, um so ihre Startaufstellung festzulegen. Anschließend führen Spieler reihum eine der 6 Aktionen aus, bis ein Spieler mindestens 60 Punkte gesammelt hat und somit das Spielende einleitet.

Welche Aktionen ein Spieler ausführen kann, erklärt das Regelblatt in einigen kurzen aber prägnanten Sätzen. Der Grundablauf ist denkbar simpel und die Aktionen mit ihren Symbolen finden sich auf den Spielertableaus wieder. Hat man die Symbole einmal verinnerlicht (was nicht lange dauert), braucht man das Regelblatt kaum noch. Für ein Spiel dieser Größe eher ungewöhnlich, aber umso erfreulicher. Das bedeutet jedoch keinesfalls, dass Barony eine oberflächliche Holzschubserei wäre – bei weitem nicht.

Schon der initiale Aufbau der eigenen Streitkräfte und Bauten hat großen Einfluss darauf, welche Strategie man im Spielverlauf fahren wird. Stelle ich mich kompakt zusammen, kann ich zwar meine Dörfer besser vor feindlichen Übergriffen schützen, beschränke jedoch meinen Aktionsradius und damit die Ressourcenausbeute empfindlich. Verteile ich mich hingegen großflächig, wächst meine Flexibilität deutlich, jedoch auf Kosten der Sicherheit.

Vom Land, da komm‘ ich her

Ein Referenztableau und Ressourcenplättchen

Ein Referenztableau und Ressourcenplättchen

Um zum gefeierten Herzog aufzusteigen, benötigen die Spieler Geld. So einfach lief das damals (wie heute). Selbiges erhält man (hier etwas abstrahiert) in Form von Ressourcenplättchen für das Errichten von Dörfern und Festungen, die sodann in den eigenen Vorrat wandern. Abhängig vom Gelände auf dem man sich breit macht, sind diese Plättchen unterschiedlich viel wert. Baut man z.B. im Gebirge, bekommt man ein weniger wervolles Ressourcenplättchen, als würde man auf einem fruchtbaren Acker bauen. Dafür sind Bauten in Gebirgen uneinnehmbar und diese Plättchen zugleich weniger attraktiv für feindliche Übergriffe (dazu gleich mehr).

Hat man Ressourcenplättchen im Wert von 15 Goldpunkten angesammelt, darf man diese als Aktion gegen einen Rang-Aufstieg eintauschen und sich so dem Titel des Herzogs ein Stück nähern. Letztlich läuft das Ganze also auf das Erlangen von Siegpunkten hinaus, aber ein Herzog zu werden klingt doch viel cooler.

Aber Vorsicht: Wie bereits angedeutet können und müssen die Spieler einander ihre Ländereien streitig machen, indem sie diese mit ihren Rittern überfallen. Dazu schickt man eigene Ritter in ein feindliches Dorf und zerstört es. Zur Belohnung darf man dem Gegner eines seiner Ressourcenplättchen stibitzen und somit dessen Fortschritt einen Dämpfer verpassen. Dabei werden keinerlei Kampfwerte verglichen, Würfel geworfen oder anderer Hokus Pokus veranstaltet. Damit man in ein feindliches Dorf einfallen kann, darf man sich nach der Bewegung eines Ritters dort schlicht nicht in Unterzahl befinden, wobei die Dorf-Figur bereits mitgezählt wird. Gelingt es dem  Spieler, einen zweiten Ritter in dieses Dorf zu schicken, zerstört man selbiges. Hat der Verteidiger hingegen bereits einen Ritter im Dorf stehen, ist der Einmarsch unmöglich. Gerät ein Ritter (oder eben ein Dorf) in eine Unterzahlsituation, wird er (oder es) besigt. Ein einfaches, aber effektives und schnell zu verinnerlichendes System. Analog funktionieren Kämpfe unter Rittern auf unbebautem Land.

Für Rot ist der Sieg zum greifen nah

Für Rot ist der Sieg zum greifen nah

Auch Bau und Ausbau von Dörfern (zu Städten) und Festungen sind unkompliziert gestaltet. Man sammelt kein Holz, Stein oder Eisen dafür. Man macht einfach. Aktion ausführen, fertig ist das gewünschte Bauwerk. Das Weglassen solcher die Komplexität erhöhenden Mechanismen stört jedoch keineswegs. Im Gegenteil: Anstatt langwierig Ressourcen sammeln zu müssen, kann man sich auf das Wesentliche konzentrieren: Die Eroberung der Spielwelt und den Aufschwung zum nächsten Adelstitel.

Schachmatt

Auch wenn der Vergleich in bisschen hinkt, erinnert mich Barony mit seinem Stellungsspiel doch immer wieder mal an den Klassiker Schach. Wer sich zu weit verteilt und seine Dörfer ungeschützt zurücklässt, riskiert Angriffe durch die anderen Spieler. Platziert man seine Ritter hingegen so, dass sie einem oder zwei Dörfern schnell zu Hilfe eilen können, vergrault man damit unliebsame Zeitgenossen. Eben so, wie die Figuren im Schach einander nach Möglichkeit Deckung geben, oder im richtigen Moment selbige fallen lassen.

Langsam wird's voll

Langsam wird’s voll

Mitunter bauen die Spieler mit der Zeit sogar regelrechte Mauern aus Festungen, Städten und Wasserfeldern, um sich dahinter liegende Gebiete zu sichern. So kann man relativ geschützt wertvolle Felder mit Dörfern zupflastern und Ressourcenplättchen kassieren. Problematisch wird es jedoch dann, wenn ein Spieler mittels der Feldzug-Aktion Ritter über den Spielplanrand in diese vermeintlich geschütze Zone bringt und so das Feld im Wortsinn von hinten aufräumt. Wohl dem, der auch das Hinterland nicht allein lässt.

Je weiter das Spiel fortschreitet, desto enger wird es auf dem Spielplan und Barony entwickelt sich zu einem richtigen „Brain Burner“, denn die Toleranz für Fehler schwindet immer weiter. Vorausplanung während einer Runde ist dann nur noch eingeschränkt möglich, weil sich jederzeit das Machtgefälle an den verschiedensten Stellen verschieben kann. Das fast völlige Ausbleiben von Zufallselementen macht Barony zu einem waschechten, aber überschaubaren  Strategiespiel, in dem erfahrene Spieler entsprechend leichter die Oberhand gewinnen können. Doch letzteren hat schon so manches (kurzzeitige) Bündnis anderer Spieler arg zugesetzt.

Pierre meint

Barony hatte es  – seinem doch recht generischen Mittelalterthema und -Artwork wegen – anfangs schwer, bei mir zu punkten (wie auch schon Achaia seinerzeit). Aber schon nach einigen Zügen überwogen die vielfältigen Möglichkeiten, welche die verschiedenen Aktionen bieten.  Man fühlt sich beinahe wie ein General, der seine Figuren mit dem Stab auf der Karte verschiebt, strategisch positioniert und seine Stellungen ausbaut, ohne sich um das Micromanagement (Ressourcenbeschaffung, Angriffswürfe, etc.) kümmern zu müssen.

Trotz der begrenzten Figurenvielfalt gibt Barony den Spielern viele Werkzeuge in die Hand, um daraus langfristige Strategien und kurzfristige Finten entwickeln zu können. Anfangs ist das entschlüsseln der hierzu nötigen Symbole noch etwas hakelig, aber das gibt sich nach einigen Zügen. Die Punkteleiste, auf der man sich auf zwei Achsen (kein Witz) fortbewegt, sorgte anfangs für etwas Verwirrung, aber auch das hat man alsbald verstanden.

Die übersichtlichen Kampfregeln helfen ungemein, das Spiel im Fluss zu halten und auch die Tatsache, dass die Spieler sich kaum komplett einigeln oder andere Spieler auf eine Position festnageln können (Feldzug sei Dank), sorgt dafür, dass es nicht zum Stillstand kommt. Man hat so viele Möglichkeiten und so viele Fronten, an denen es zu Kämpfen gilt – und darf doch immer nur eine Aktion pro Zug ausführen.

Barony erzeugt eine unerwartet entspannte Atmosphäre, die man dem Artwork und Thema gar nicht zutrauen würde. Da zerhaut man sich – wie Kinder die Sandburg – gegenseitig die Dörfer, sackt dafür feixend Ressourcenplättchen ein und kabbelt sich schon bald um den nächsten ressourcenreichen Acker. Keine drei Züge später verträgt man sich, schließt einen (losen) Nichtangriffspakt und kloppt stattdessen auf den führenden Spieler ein. Je nach Spielergruppe kann sich eine Partie dieses sonst so bieder wirkenden Spiels zu einer echten Gaudi entwickeln, dessen Spieldauer zumeist im angenehmen Rahmen von ca. einer Stunde blieb.

Der Katze gefällt's auch

Der Katze gefällt’s auch

Was mich an Feudum besonders fasziniert – die vielen verzahnten Aktionen und Gilden, mit denen die mannigfaltigen Ressourcen über das Spielbrett wandern und investiert werden – fehlt mir hier überhaupt nicht. Barony ist wie ein Gegenpol zu den komplexeren Strategiespielen und Eurogames, in denen Aufbau, Eroberung und das Sammeln von Siegpunkten zu einem regelrechten Kraftakt werden können. Barony nimmt all das, dampft es auf die Essenz ein und lässt die ganzen Zwischenschritte einfach mal weg. Und das ist eine willkommene Abwechslung, die einfach passt.

SpieldesignMarc André
IllustrationenIsmaël Pommaz
Erschienen beiMatagot, Asmodee, Broadway Toys LTD, Conclave Editora, Hobby Japan, Rebel, Surfin' Meeple China
Erscheinungsjahr2015
Spieleranzahl24
Spieldauerca. 45 Minuten
Empfohlenes Alterab 14 Jahren
MechanismenGebietseroberung, Bewegen auf Flächen, Modulares Spielbrett
Diese Informationen werden von BoardGameGeek zur Verfügung gestellt. Hier geht es zum Eintrag des Spiels auf BoardGameGeek.
Pierre

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