Vorgestellt – Catan: Der Aufstieg der Inka

Wenn das Thema Catan auf den Tisch kommt, gibt es (in meinem Bekanntenkreis) eigentlich nur zwei Meinungen: Gefällt, oder gefällt nicht. Dazwischen gibt es nichts. Mit Catan: Der Aufstieg der Inka schickt Kosmos eine neue Inkarnation des bekannten und beliebten Spielprinzips ins Rennen, die Zweifler und Verweigerer abholen und bekehren könnte.

Das Spiel wurde uns freundlicherweise vom Kosmos-Verlag kostenlos zur Verfügung gestellt. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf die Wertung des Spiels.

Überblick

Wer die Catan-Ausgaben der „Plastik-Ära“ kennt, wird sich gleich zu Hause fühlen. Es gibt die wohlbekannten Ressourcenfelder, Rahmenteile (Wasser und Urwald), Karten, Würfel, Plastikfiguren, etc. pp. Zusätzlich gibt es Dickicht-Figuren, die im Laufe des Spiels über die Siedlungen und Städte gelegt werden.

Das Material ist von ebenso schwankender Qualität wie bei allen anderen der mir bekannten Catan-Boxen (was zugegebenermaßen nicht viele sind). Die Pappteile sind dünn und einseitig bedruckt. Die Spielertableaus sind sehr funktional gestaltet und gewinnen hinsichtlich der Optik keine Preise. Die Plastikfigen wurden für diese Edition aber neu gestaltet und passen ins Inka-Thema.

Auf und ab

Der Beginn einer Partie mit vier Spielern

Die Inka bleiben dem Catan-Konzept im Wesentlichen treu. Die Spieler errichten Siedlungen, Städte sowie Straßen und sammeln die dafür erforderlichen Ressourcen. Die Schafe sind dabei Lamas gewichen und der Weizen den Kartoffeln, beides funktioniert aber genauso. Dazu gesellen sich die Handelsgüter Fisch, Federn und Coca-Blätter, die den Handel mit der „Bank“ gegenüber der klassischen Version ein wenig verändern und die Handelshäfen komplett über Bord werfen. Die Handelsgüter dienen nicht dem Bau, sondern als Tauschwährung für den Erwerb der tatsächlichen Baumaterialien wie Holz und Erz.

Nach wie vor geht im Kern darum, 12 Siegpunkte in Form von Siedlungen und Städten anzusammeln. Karten, einem die Siegpunkte bescheren, gibt es hingegen nicht. Anders als im klassischen Catan sind die Standorte der Bauten nicht in Stein gemeißelt – im Gegenteil. Was diese Ausgabe am deutlichsten vom Klassiker abhebt, ist das Konzept der aufsteigenden und untergehenden Inka-Stämme (eine Idee, die meines Wissens in der Catan-Welt aber auch nicht neu ist). Jeder Spieler steuert einen solchen (gedachten) Stamm und führt ihn vom Aufstieg in den Untergang. Sobald ein Spieler eine bestimmte Anzahl Siedlungen und/oder eine Stadt errichtet hat, beginnt der Untergang seines Stamms und er läutet den Aufstieg eines neuen Stamms ein. Wem es als erstes gelingt, drei Stämme untergehen zu lassen (sprich: 12 Siegpunkte zu erreichen), gewinnt das Spiel.

Ein fortgeschrittenes Spielertableau

Mit dem Untergang eines Stamms geht einher, dass dessen Siedlungen und Städte von Dickicht überwuchert werden. Hierzu werden die Dickicht-Figuren über die Bauten gestülpt.  Die Straßen dieses Stamms verfallen und kommen zurück in den Vorrat des Spielers. Der absteigende Stamm liefert dem Spieler noch Ressourcen, kann jedoch nicht mehr aufgewertet werden und auch Straßen können dort nicht mehr angebaut werden. Zudem kann jeder Spieler die verfallenden Bauten mit eigenen überbauen und sich deren Positionen sichern. Lässt der Spieler seinen zweiten Stamm untergehen, wird das Material des ersten Stamms komplett entfernt und den zweiten ereilt das Schicksal des ersten Stamms.

Die Welt ist im Wandel

Überwucherte, dem Untergang geweihte Bauten

Dieses System bricht ganz massiv mit dem weitgehend statischen Aufbau, der sich mit der Zeit im klassischen Catan einstellt. Einmal gebaut, bleiben die Bauten dort bis zum bitteren Ende stehen. Wer es sich an der 2, 3, 11 und 12 ungemütlich macht, hat Pech – und ein Problem. Bei den Inka ist das anders. Durch den Untergang eines Stamms werden dessen Positionen verfügbar und können überbaut werden. Der Aufstieg eines neuen Stamms wiederum erlaubt es dem Spieler, diesen irgendwo auf dem Spielfeld entstehen zu lassen (soweit die üblichen Bauregeln eingehalten werden). Das Spielfeld ist somit im steten Wandel; irgendwann muss man seine bequemen Positionen aufgeben und umdisponieren. Mit etwas Glück kann man aber auch attraktive, alte Standorte wieder einnehmen, wenn die anderen Spieler dies nicht vor einem selbst tun.

Durch den Verfall des Straßennetzes beim Untergang eines Stamms verliert der Besitzer des Vorteils der längsten Handelsstraße selbigen und muss diesen zumeist an einen anderen Spieler abtreten. Auch das bricht das Machtgefälle immer wieder auf. Einigeln und Area Denial sind – anders als im klassischen Catan – praktisch unmöglich.

Langen öfter zu als sonst: Die Räuber

Die Handelsgüter sorgen teils für einen noch fieseren Räuber; denn: Sie zählen gegen das Kartenlimit von maximal 7 Karten, die ein Spieler beim Wurf einer 7 besitzen darf. Da man die Handelsgüter mitunter mehrere Runden auf der Hand hat, bevor man sie nutzbringend eintauschen kann, schleppt man oft mehr Karten mit sich herum, als gut für einen selbst ist. Dies lässt sich durch den Erwerb von Entwicklungskarten abfedern, weil einige davon das Handkartenlimit beim Räuberüberfall erhöhen, aber die dafür verbrauchten Ressourcen fehlen dann eben auf der Baustelle.

Gut zu wissen

Damit das Ganze nicht einfach wie ein wahlloses Retheme von Catan daherkommt, hat man dem Spiel einen Almanach beigelegt, in dem allerlei geschichtliche Hintergründe zu den Inka zu finden sind. Spielmechanische Aspekte werden hierin historisch „begründet“, was das Spiel thematischer macht und das Erlebnis abrundet. Der Wegfall der Handelshäfen z.B. wird hier mit der Bedeutung der Handelsgüter (Federn, Fisch und Coca) für die Inka-Völker entlang der Küsten, in den Urwäldern und den Gebirgsregionen erklärt.

Pierre meint

„Waaas? Schon wieder eine 7?“

Wer Catan grundsätzlich nicht mag, den wird wahrscheinlich auch diese Edition nicht überzeugen. Die grundlegenden Konzepte sind die gleichen; der wesentliche Unterschied besteht in der Dynamik des Spielfelds. Und genau damit treffen die Autoren bei mir einen Nerv. Ich mag Catan grundsätzlich ganz gern, mich stört jedoch die Statik der Bauten, die insbesondere erfahrene Spieler zu ihrem Vorteil zu nutzen wissen und es weniger versierten Spielern schwer machen, sich durchzusetzen. Dass das Spielfeld immer wieder umgewälzt wird, gefällt mir insofern sehr gut.

Dass die Handelsgüter voll gegen das Kartenlimit beim Würfeln einer 7 zählen, ist ein zweischneidiges Schwert. Es kommt gefühlt häufiger vor, dass man mit einer größeren Anzahl Karten erwischt und so der Fortschritt immer wieder torpediert wird. Wer sich zunächst auf den Erwerb der Entwicklungskarten zum Vermeiden dieser Problematik konzentriert, gerät aber bei der Stammesentwicklung schnell ins Hintertreffen. Es ist ein Balanceakt, der zu mehr Frust führt, als nötig.

Was bei mir völlig durchfällt, ist das Spielmaterial. Die dünne Pappe, die lieblos einseitig bedruckten Komponenten und das spröde Artwork sind eher abschreckend als ansprechend. Die Tableaus und Ressourcenfelder liegen immer auf dem Tisch, da kann ich den einseitigen Druck ja fast noch verzeihen; aber wer hat bitte die einseitig bedruckten Marker abgesegnet? Von einer teuren Sonderedition erwarte ich mehr Liebe zum Material, zumal das Material mit keiner anderen Ausgabe des Spiels kompatibel ist, und es somit keine Rücksicht auf identisch gefertigte Komponenten nehmen muss.

All das steht im starken Kontrast zum Almanach, in den spürbar mehr Aufmerksamkeit gesteckt wurde. Er hat zwar keinen direkten Einfluss auf das Spielerlebnis, rundet das Gesamtpaket jedoch schön ab.

Insgesamt macht mir die Inka-Variante mehr Spaß, als das normale Grundspiel, weil es die Statik der Bauten aufbricht. Wer sich an diesem Aspekt von Catan stört, könnte in der Inka-Edition eine gute, wenn auch etwas teurere Alternative finden.

Ich empfehle übrigens, eine Playlist mit Panflötenmusik vorzubereiten. Ohne die ist eine Partie einfach nicht komplett. 😉

SpieldesignKlaus Teuber, Benjamin Teuber
IllustrationenMartin Hoffmann, Michaela Kienle, Andreas Resch, Claus Stephan
Erschienen beiCatan Studio, KOSMOS, 999 Games, Devir, Galakta, Piatnik, Swan Panasia Co., Ltd.
Erscheinungsjahr2018
Spieleranzahl34
Spieldauerca. 90 Minuten
Empfohlenes Alterab 12 Jahren
MechanismenWürfeln, Karten ausspielen, Routen bilden, Handeln
Diese Informationen werden von BoardGameGeek zur Verfügung gestellt. Hier geht es zum Eintrag des Spiels auf BoardGameGeek.

Pierre

Brettspieler, zelotischer Miniaturenbemaler und Gelegenheitsübersetzer.
Pierre

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