Vorgestellt – Die Legenden von Andor

Dieses Spiel ist eigentlich wie das echte Leben: Man hat so viel zu tun und so wenig Zeit, um das alles zu erledigen. In Die Legenden von Andor liegt es an den Spielern, die knappe, zur Verfügung stehende Zeit zu nutzen, um rechtzeitig ihre Aufgaben zu erfüllen und gleichzeitig auch noch garstige Monster aufzuhalten.

Stellt das Essen in die Mikrowelle; unsere Helden machen ein paar Überstunden und kommen später nach Hause.

Die Legenden von Andor wurde uns freundlicherweise vom KOSMOS-Verlag kostenlos zur Verfügung gestellt. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf die Wertung des Spiels.

Überblick

Gespielt wird „Andor“ auf einem ausladenden Spielbrett von etwa 90x60cm, alle Spieler bekommen ein Heldentableau und ihre Würfel und farblich passendes Zubehör; diverse Karten, Marker, Figurenaufsteller usw. werden bereitgelegt.
Angesichts der Fülle an Spielmaterial, das die Schachtel  beherbergt, wirkt das Regelblatt (es gibt kein klassisches Heft) geradezu fehl am Platz. Es beinhaltet die wichtigsten Regeln, die für den Einstieg in das erste Szenario erforderlich sind. Dadurch ist der Einstieg binnen kürzester Zeit möglich.
Fortgeschrittene Regeln werden Stück für Stück in den Szenarien (den Legenden) eingeführt, bleiben jedoch stets übersichtlich.

Das Spielmaterial ist stabil und schön gestaltet. Holzplättchen und -würfel runden das Ganze ab. Besonderen Wert wurde auf kleine Details gelegt: Die Ausrüstung, welche die Helden erwerben können, ist in Form von Plättchen zu finden, die auf die passenden Stellen auf dem Heldentableau gelegt werden und fügen sich fast nahtlos darauf ein. Der Helm liegt auf dem Kopf und der Schild in der Hand der Helden.
Alle Helden kommen in weiblicher und männlicher Ausführung daher, so findet jeder seinen Lieblingshelden.
Der Miniaturen-Bemaler in mir geht hier leider leer aus. Alle Figuren sind Pappaufsteller, die bemerkenswerterweise eine richtige Vorder- und Rückseite haben, anstatt einfach ein Bild beidseitig gespiegelt zu zeigen.
Das zieht sich durch das gesamte Artwork. Alles ist detailreich illustriert und aus einem Guss, insbesondere auf dem Spielplan gibt es immer etwas zu entdecken.

Die Spieler steuern reihum ihre Helden mit individuellen Fähigkeiten und müssen gemeinsam die in den Legenden vorgegeben Ziele meistern, z.B. die Burg verteidigen, Edelsteine bergen, einen mächtigen Zauberer besiegen oder Bauern aus der Gefahrenzone schaffen.

Es war einmal…

Die Geschichten, die in den Legenden erzählt werden, entfalten sich über Legendenkarten, welche zugleich manchmal neue Regeln einführen. Wann eine solche Karte ins Spiel kommt, entscheidet das Voranschreiten des Erzählersteins auf einer Leiste mit den Buchstaben A – N. Je nach gespielter Legende müssen die Spieler ihre Mission beenden, bevor der Erzähler ein bestimmtes Feld erreicht, oder ein anderes Ereignis eintritt.

Erreicht der Erzähler bestimmte Schlüsselfelder, wie in der Legende vorgegeben, werden besondere Ereignisse ausgeführt, welche die Geschichte der Legende vorwärts treiben und das Spielgeschehen beeinflussen.

Die Geschichten sind unterhaltsam und bilden den Rahmen, in dem sich die Fantasie der Spieler austoben kann. Unterstützt vom detailreichen und sehr schicken Artwork, das der Autor ebenfalls verantwortet, kann man richtig schön in die Welt von Andor eintauchen.
Da die 5 Legenden weitgehend statisch sind, stellt sich allerdings schon beim zweiten oder dritten Spiel ein „Been there, done that“-Effekt ein; der Wiederspielwert ist also etwas eingeschränkt. Ob man das störend findet, muss man für sich selbst entscheiden. Mich persönlich stört es kaum, weil jede Runde durch zufällig verteilte Monster, Ereigniskarten und -plättchen trotzdem immer etwas anders verläuft. Das Herz des Spiels passiert nämlich über dem Brett. Dort, wo die Spieler ihre Möglichkeiten diskutieren.

Dieser Punkt wird in der Erweiterung „Der Sternenschild“ übrigens dadurch aufgebrochen, dass sich die dort beigelegte Legende, je nach Spielverlauf, in verschiedene Zweige entwickeln kann, und diese Legende öfter spielbar ist, bevor man alles gesehen hat.
Zusätzlich werden auf der Webseite des Spiels kostenlos mehrere Bonuslegenden angeboten. Über zu wenig Inhalt kann man also nicht meckern!

Du kannst (nicht) vorbei!

Während Gandalf dem Balrog im Herrn der Ringe eine recht klare Ansage entgegenschleudern kann, befinden sich die Helden von Andor in einer Zwickmühle.
Jeder besiegte Gegner rückt den Erzählstein um ein Feld vorwärts, und damit dem Ende der Legende einen Schritt näher. Die Monster bleiben nämlich nicht stehen, sondern rücken entlang der Pfeile auf den Feldern (auf der Vorderseite) des Spielplans  auf die Burg zu . Erreichen zu viele Monster diese Burg, droht das Abenteuer zu scheitern. Ähnlich funktioniert es auf der Rückseite des Spielplans, nur ohne Burg und anderen Niederlagebedingungen.

Man kann also nicht wahllos Gegner niederstrecken, sondern muss genau überlegen, welche man „durchlässt“, und welche unbedingt ausgeschaltet werden müssen. Diese Kämpfe werden zwischen den Gegnern und angreifenden Helden ausgewürfelt. Ausrüstung und Stärkepunkte erhöhen die Chance, den Kampf schnell für sich zu entscheiden. Auch andere Helden können im Kampf unterstützen.

Jeder Held hat für seine Aktionen nur begrenzt viele „Stunden“ zur verfügung, bevor er seinen „Tag“ beenden muss. Wer seine Zeit aufgebraucht hat, muss aussetzen, bis alle Spieler ihren Tag für beendet erklären. Auch das rückt den Erzähler vorwärts -schließlich brauchen auch Helden mal eine Mütze Schlaf.

Um zu gewinnen, muss die Heldentruppe ihre Aufgaben erfüllt haben, bevor der Erzähler das N-Feld erreicht, sonst ist die Legende verloren. Eine knifflige Angelegenheit.

Schwere Entscheidungen

Um seine Chancen im Kampf und beim Erfüllen der Legendenziele zu verbessern, können die Helden bei Händlern ihr Gold in Training (Stärkepunkte) oder Ausrüstung investieren. Dazu gehören z.B. ein Schild, mit dem Schaden oder negative Ereignisse abgewehrt werden können, ein Falke, der kleine Gegenstände zwischen den Helden transportieren kann oder ein Helm, der gleiche Zahlen beim Angriffswurf addiert (sonst gilt nur die höchste gewürfelte Zahl).

Doch das Gold ist rar gesät und wird zu einem großen Teil von den besiegten Monstern erbeutet – da ist sie wieder, die Zwickmühle (siehe oben).

Da jeder Held ganz unterschiedliche Stärken hat, müssen die Spieler auch gut überlegen, wer das wertvolle Gold in Stärkepunkte steckt, wer mit dem Fernrohr die Nebelplättchen (welche Gold, Ausrüstung oder Monster enthalten können) erforschen soll, usw…

Auch das Verteilen der Helden auf dem Spielplan will wohlüberlegt sein, da teils mehrere Ziele zugleich anzugehen sind. Arbeiten die Helden in Andor nicht eng zusammen, ist ihr Abenteuer schon zum Scheitern verurteilt.
Da  jeder Held über die gleichen Informationen verfügt, kann es passieren, dass ein erfahrener Spieler das Steuer an sich reisst, und den anderen Spielern (unbewusst) vorgibt, was zu tun ist. Ob das ein Problem ist, hängt natürlich von der Spielergruppe ab.

Man hat’s nicht leicht als Held

Andor ist ein Spiel mit hohem Schwierigkeitsgrad. Und das ist auch gut so, denn kooperative Spiele werden schnell langweilig, wenn man ohnehin jede Runde gewinnt.

Das Bekämpfen der Monster, deren Kampfkraft mindestens jener der Helden ebenbürtig ist, kann sich jedoch leider recht langwierig und unbefriedigend gestalten. Zunächst würfeln die Kämpfer ihren Würfelpool, anschließend wird die jeweils höchste Augenzahl zur Grundstärke des Kämpfers hinzuaddiert. Wer hier auf einen höheren Wert kommt, gewinnt. Der Verlierer erleidet Schaden in Höhe der Differenz der beiden Ergebnisse.

Die Monster haben jedoch immer den Bonus, dass jeder gleiche Würfelwert addiert wird – so werden zwei Fünfen zu einer Zehn. Das sorgt oft für eine Niederlage seitens des Helden. Mit etwas Pech verbringt man einen Großteil seines „Tages“ damit, das Monster niederzuringen. Zwar können weitere Helden unterstützend eingreifen, aber auch das ist kein Garant für einen schnellen Sieg.

Es gibt ein paar Möglichkeiten, sich temporär einen Kampfbonus zu holen (in Form von Kräutern, die aber sehr rar gesät sind), was aber nichts an dem grundsätzlichen Konzept der Kämpfe ändert.
Sieg oder Niederlage werden also größtenteils vom Würfelglück bestimmt. Mir persönlich fehlen Möglichkeiten, die Kämpfe aktiv zu beeinflussen, wie z.B. individuelle Kampf-Karten für die Helden, mit denen sie das Blatt noch wenden können. Zwar kann der Zauberer beispielsweise seinen Würfel auf die gegenüberliegende Seite drehen (und somit aus einer 1 eine 6 machen), aber das ist eben vom Würfelwurf abhängig.

Andererseits lassen sich andere Faktoren in gewissen Grenzen berechnen (abgesehen von Ereigniskarten und -Plättchen). Kennt man zusätzlich die Legende bereits, kann man oft sogar weit im Voraus planen, was auf die Helden zukommt.
Ein Beispiel: Die Helden haben noch 3 Felder auf der Legendenleiste „Zeit“, bis der Erzähler das End-Feld erreicht. Ein Monster bedroht die Burg und hat sie fast erreicht – aber die Burg kann keine weiteren mehr abwehren. Erreicht das Monster die Burg, ist die Legende verloren. Anhand der gegebenen Situation können die Helden berechnen, wie lange das Monster wahrscheinlich braucht, bis es die Burg erreicht, und wie viel Zeit sie effektiv noch haben, um ihr Ziel zu erreichen, bevor das passiert.
Dabei entsteht eine der folgenden Emotionen: Anspannung oder Resignation.

Ist absehbar, dass die Zeit ohnehin nicht mehr genügt, um die Legende zu schaffen (z.B. weil der zeitraubende Bosskampf noch bevorsteht, der Erzählstein aber quasi schon vor dem Ende steht), kann man das Brett eigentlich auch abbauen. Das Spiel endet in solchen Momenten nicht unbedingt mit einer knappen Niederlage, was ein wenig frustrierend sein kann.

Oft hängt das unter Anderem an einer ganz profanen Regel: Laufen zwei Monster direkt hintereinander her, muss man damit rechnen, dass sie einander überholen. Kann ein Monster nämlich nicht auf einem freien Feld anhalten, läuft es einfach entlang der Pfeile weiter, bis es ein freies Feld erreicht hat. Dieses Bockspringen hat uns das eine oder andere Mal das Genick gebrochen, denn das Monster zu besiegen kostet ein wertvolles Feld auf der Zeitleiste des Erzählers und Zeit, es überhaupt zu erreichen und zu bekämpfen. Wenn man es sich also nicht leisten kann, es unbehelligt herumstreunen zu lassen, hat man ein gewaltiges Problem.

Häufiger ist es jedoch der Fall, dass es „eine ganz knappe Kiste“ wird, und man gespannt am Tisch sitzt, und hofft, dass die nächste Ereigniskarte kein Monster erscheinen lässt, das sich dem Sturm auf die Burg anschließt, oder man rechtzeitig einen wichtigen Gegenstand aus dem Nebel fischt, oder die Bauern rechtzeitig vom Spielbrett schafft.

Es gibt einige Faktoren, die sich nicht vorhersehen lassen. Aber eine Tendenz, wohin das Spiel steuert, kann man meist erkennen.

Wie war das doch gleich?

Erinnert ihr euch an die Regeln, die von Legende zu Legende ausgebaut werden? Das ist ein schöner Kniff um den Einstieg unkompliziert zu gestalten und auch unerfahrene Spieler schnell abzuholen. Da die fortgeschrittenen Regeln jedoch in den Legendenkarten eingeführt werden, muss man bei etwaigen Nachfragen den Legendenstapel durchwühlen um die Antwort zu finden.
Wenn ihr könnt, solltet ihr daher unbedingt das auf der offiziellen Webseite angebotene Referenzheft herunterladen und bereitlegen. Darin sind alle Regeln vereint (siehe unten).

Bitte mehr davon

Hat man sich an den Basis-Legenden sattgespielt, bietet die Webseite jede Menge Bonusmaterial. Darunter Legenden, neue Helden, FAQs und vieles mehr. Es gibt auch eine Fan-Seite, auf der die Benutzer eigene Legenden veröffentlichen. Zwar spielt man letztlich immer auf einer der beiden statischen Spielplanseiten – dafür wird man immer wieder kleine Details entdecken, die der Autor und Künstler hier versteckt hat. Sucht doch mal den „Bergsteiger“.

 

Peer meint:

Die Legenden von Andor ist ein Spiel, das immer spannender wird, je weiter die Legende fortschreitet. Zwar sind die Kämpfe für mein Empfinden nicht so ansprechend gestaltet, aber da der Erzählstein  mit jedem gefällten Feind gnadenlos fortschreitet sind sie glücklicherweise nicht das Kernelement des Spiels.

Michael Menzel hat mit der Mischung aus Berechenbarkeit und Zufall ein gut austariertes System geschaffen, das genug Spielraum für Siege durch kluge Planung, aber auch Niederlagen durch unbedachtes Handeln bietet. Doch auch erfahrene Recken werden mit Niederlagen rechnen müssen. Andor ist also nichts für Jammerlappen, die nur Spielen, um zu gewinnen.

Den eingeschränkten Wiederspielwert der Legenden kann ich dem Spiel angesichts der schön erzählten Geschichten und dem üppigen Bonusmaterial  nicht übelnehmen.

Insgesamt ist Andor für mich ein rundes und unterhaltsames Spiel. Wenn’s mal wieder nicht geklappt hat, versucht man es erneut und erzählt sich die Legende noch einmal. Aber diesmal so, wie sie wirklich geschah.

 

Markus meint:

Michael Menzel ist es gelungen, mit die Legenden von Andor ein Spiel zu schaffen, das sowohl Familien an einem verregneten Sonntag an den Spieltisch als auch die ambitionierte Spielclique fesseln kann.

Gerade die kompakten Regeln helfen, dass das Spiel auch nach längerer Zeit ohne langes Regelstudium wieder auf den Tisch kommen kann. Zusätzlich zeichnet sich das Spiel durch seine hochwertige Ausstattung und sein wundervolles Artwork aus.

Wer Angst haben sollte, dass „nur“ fünf Legenden ein wenig dünn sein sollten, dem sollte gesagt sein, dass die fünf Abenteuer auch erstmal durchgestanden werden wollen. Es warten noch weitere Bonus- und Fanlegenden im Internet.

Und es gibt das Add On Sternenschild und Andors Norden kann seit kurzem ja auch bereist werden (aber zu Andors Norden wird an dieser Stelle bestimmt zu einem späteren Zeitpunkt berichtet werden, immerhin wartet er im Regal um das erste Mal bereist zu werden).

Auf Grund seiner übersichtlichen Regeln kann Andor auch recht schnell von jüngeren Kindern erlernt werden und es zieht Kinder schnell in seinen Bann (wenn sie bereit sind, sich drauf einzulassen). Wenn es im Familienkreis gespielt wird, sind noch nicht mal Lesekenntnisse für die Kinder notwendig.

 

Auf einen Blick

SpieldesignMichael Menzel
IllustrationenMichaela Kienle, Michael Menzel
Erschienen beiKOSMOS, 999 Games, Albi, Arclight, Devir, Fantasmagoria, Fantasy Flight Games, Galakta, Giochi Uniti, IELLO, Kaissa Chess & Games, Piatnik, Zvezda
Erscheinungsjahr2012
Spieleranzahl24
Spieldauer6090 Minuten
Empfohlenes Alterab 10 Jahren
MechanismenBewegen auf Flächen, Kooperatives Spielen, Würfeln, Variable Spielerfähigkeiten
Diese Informationen werden von BoardGameGeek zur Verfügung gestellt. Hier geht es zum Eintrag des Spiels auf BoardGameGeek.
Pierre

Pierre

Brettspieler, zelotischer Miniaturenbemaler und Gelegenheitsübersetzer.
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