Vorgestellt – Talo

Auf den ersten Blick möchte man Talo glatt als Reverse Jenga betiteln. Die Spieler bauen Türme aus Holz, die nicht umkippen dürfen. Damit täte man Talo aber Unrecht, denn hier geht es nicht darum, am Ende den stabilsten und formschönsten Turm gezimmert zu haben, sondern als erster Spieler die luftigen Höhen der zehnten Stufe zu erklimmen – und dabei den Konkurrenten möglichst auch noch Steine (bzw. Holzklötze) in den Weg zu legen.

Talo wurde uns freundlicherweise vom Verlag Drei Hasen In der Abendsonne kostenlos zur Verfügung gestellt. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf die Wertung des Spiels.

Übersicht

Der Schachtelinhalt von Talo

Talo kommt in einem Karton durchschnittlicher Größe daher. Doch Vorsicht beim Hochheben: das Ding ist verdammt schwer. 55 Holzteile, 3 Spielplanteile, 1 Würfel, eine Messleiste und 6 Holzfiguren sowie ein mehrsprachiges Regelheft (DE, EN, FR, IT) finden sich darin.

In Talo gibt es Holzteile in verschiedenen Längen, zehn um genau zu sein. Mit dem Würfel wird entschieden, welche (Gesamt-)Länge der aktive Spieler in seinem Zug verbauen darf. Mit den gewählten Teilen baut er dann an den sich organisch entwickelnden Türmen herum, bringt seine Figur weiter nach oben, oder verbaut den anderen Spielern ihre Türme. Das Ziel besteht darin, seine Figur als erster Spieler auf die zehnte Ebene zu befördern. Wem das gelingt, gewinnt.

Harmonie an der Grassode

Die möglichen Steine für den 5er-Wurf

Anfangs haben sich alle Spieler noch lieb. Der aktive Spieler würfelt und nimmt sich bis zu 2 Holzteile, deren Länge in Summe genau der gewürfelten Zahl entspricht. Wenn möglich kann er auch einfach ein Teil mit genau dieser Länge nehmen. Das heißt, wenn er eine 5 würfelt, könnte er ein Teil in Länge 5, oder zwei Teile der Länge 4 & 1 oder 3 & 2 nehmen (siehe Bild). Die Länge der Teile kann man mit der Messleiste schnell nachprüfen. Noch schneller ginge es, wenn es auf der Messleiste Zahlen gäbe – gibt es aber leider nicht.

Diese Teile legt er nun horizontal oder vertikal auf den Spielplan und andere bereits ausgelegte Steine. Das ist natürlich gewissen Regeln unterworfen, daher hier die Kurzfassung: Sie müssen einzeln oder gleichzeitig, gelegt werden, dabei muss die Gesamtkonstruktion aber immer im Gleichgewicht bleiben. Außerdem müssen die Teile immer genau im auf den Spielplan aufgedruckten Raster bleiben. Schief oder diagonal ist also tabu. Kippt die Konstruktion um, verliert der Spieler und die gesamte Partie ist zu Ende. Hat man seine Steine erfolgreich gelegt, darf man die Figur beliebig weit bewegen und die jeweils nächste Ebene(n) erklimmen lassen, sofern sie nicht durch eine andere Figur oder eine Kante blockiert wird, die 2 oder mehr Ebenen höher/niedriger ist.

Die Treppe, die man dabei errichtet, ist aber selten als solche zu erkennen. Wichtig ist nicht die Ästethik der Konstruktion, sondern einerseits ein schneller Aufstieg in luftige Höhen und andererseits eine Art Robustheit, die es ermöglicht, flexibel auf das sich verändernde Spielfeld zu reagieren und sich nicht an eine zu enge Auswahl an Würfelwürfen zu binden. Man muss mit der gewürfelten Zahl oft auch in die Zukunft schauen, also einen 7er-Stein auch gern einmal 2 oder 3 Felder von der eigenen Figur entfernt aufstellen, damit dieser in einem späteren Zug noch von Nutzen sein kann. Hoffentlich, denn die anderen Spieler schlafen nicht.

Die Startaufstellung

Die ersten Züge sind noch recht harmlos, jeder baut so in „seiner“ Ecke für sich und lässt die anderen Spieler ihr Ding machen. Je mehr Teile jedoch auf dem Spielplan aufgetürmt sind, und je geschröpfter der Vorrat, desto garstiger wird es unter den Spielern. Der Vorrat an Teilen ist nämlich begrenzt, und von jeder Länge gibt es unterschiedlich viele Teile. Je kürzer die Teile, desto mehr gibt es davon – und umgekehrt. Während es eine Vielzahl von 1er-Klötzen gibt, gibt es genau einen 10er-Stein.

Turmbau zu Schadenfreude

Während der ersten Züge könnte man Talo für ein relativ harmloses Familienspiel halten, bei dem jeder so friedlich vor sich hin werkelt (hat Talo doch den Titel „Kinderspiel des Jahres“ in Portugal abgeräumt). In erwachsenen Gruppen unter Freunden enthüllt Talo jedoch sein zweites Gesicht und mutiert zu einem waschechten Nimm-Das-Spiel – in dieser Konstellation wurde es auch bei uns gespielt. Spätestens, wenn die Teile weniger werden, fangen die Spieler an, sich aktiv zu sabotieren um den Aufstieg der anderen Figuren zu verhindern, weil man nicht unbedingt mit jedem Würfelwurf etwas für sich selbst anfangen kann. Anstatt das Teil mit der Länge 7 für den eigenen Zug anzulegen, nimmt ein Spieler auch gern mal 6 & 1, legt die 6 als Vorbereitung bei sich an, und blockiert mit dem 1er den zu eng gebauten Weg eines anderen Spielers.

Rosa hinkt ein wenig hinterher

Außerdem wachsen die Konstruktionen bei vielen Spielern alsbald zusammen und es entstehen Brücken. Ebenen, die ein Spieler vorbereitet hat, werden gern von anderen Schelmen gekapert. Das Hallo, das in solchen solchen Situationen durch die Runde geht, ist Comedy pur. Je mehr Spieler teilnehmen, desto enger wird es auf dem Spielfeld, und umso öfter piesacken sich die Spieler.

Sobald ein Spieler Ebene 10 erreicht, endet das Spiel. Wer das ist, entscheidet in nicht zu verachtendem Umfang der Würfel. Wenn man dreimal keine zum Vorrat passende Zahl gewürfelt hat, geht man leer aus und der nächste Spieler ist an der Reihe. Insbesondere zum Ende der Partie hin passiert das durchaus öfter mal.

 

Pierre meint

Versteht mich nicht falsch: Talo funktioniert sicherlich auch wunderbar als friedliches Familienspiel, in dem man lieb zueinander ist und sich hauptsächlich auf den Bau der eigenen Konstruktion konzentriert. Aber das größte Potenzial für ein paar erinnerungswürdige Partien bietet es in meinen Augen in Runden mit erwachsenen Spielern, die sowohl austeilen als auch einstecken können.

Der Aufbau geht ruck-zuck von statten, jeder kann mithelfen und dauert nicht lang. So eignet sich Talo auch gut als Füller oder Rausschmeißer. Dass man sich nur ganz bestimmte Teilekombinationen nehmen kann, bremst die notorischen Vieldenker aus, was dem Spielfluss zugute kommt. Das ist insbesondere deshalb gut, weil das Würfelglück gegen Ende der Partie für so manchen verschwendeten Zug sorgt. Das kann stören, muss es aber nicht. Dafür sind die Partien einfach zu flott. Außerdem kann man manchmal wenigstens die Konstruktion anderer Spieler sabotieren, und das ist schließlich auch etwas wert.

Mäkeln muss ich an der Fertigungsqualität der Holzsteine. Die Figuren, der Würfel und Spielplanteile sind hochwertig gefertigt. Die Kanten einiger Klötze jedoch weisen deutlich sicht- und fühlbare Fransen, auf. Splitter habe ich zwar keine entdeckt, es hinterlässt schon ein Geschmäckle. Eine Nagelfeile schafft provisorisch Abhilfe, aber das sollte nicht meine Aufgabe als Spieler sein. Die Bewegung der Figuren sowie der Bau der Steine ist überraschend vielen Regeln unterworfen, die man zunächst einmal verinnerlichen muss, manchmal sind diese anhand der Texte und Bilder erst nach mehrmaligem Lesen so richtig verständlich. Andererseits sind uns somit auch keine Fälle begegnet, die wir nicht durch aufmerksames Lesen der Regeln klären konnten. Die erste Partie wird für Einsteiger auf jeden Fall für die eine oder andere Rückfrage sorgen.

Spätestens, wenn man die fünfte Ebene erklommen hat, hat man den Dreh aber raus. Das auf der Schachtel so friedlich aussehende Spiel entwickelt schnell einen großen Unterhaltungswert, vor allem weil die Spieler sich mit fortschreitendem Verlauf der Partie immer öfter auf die Füße steigen und gegenseitig die Türme verbauen, was stets für Stimmung am Tisch sorgt.

 

Auf einen Blick

SpieldesignUta Krueger, Bernd Poloczek, Jens-Peter Schliemann
IllustrationenJohann Rüttinger
Erschienen beiDrei Hasen in der Abendsonne, Kanga Games
Erscheinungsjahr2014
Spieleranzahl24
Spieldauerca. 20 Minuten
Empfohlenes Alterab 6 Jahren
MechanismenWürfeln, Bewegen auf Raster, Pattern Building, Take That
Diese Informationen werden von BoardGameGeek zur Verfügung gestellt. Hier geht es zum Eintrag des Spiels auf BoardGameGeek.

Weitere Bilder

Pierre

Brettspieler, zelotischer Miniaturenbemaler und Gelegenheitsübersetzer.
Pierre

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