Vorgestellt – The Grizzled – Teil 1/2

Tag 1

Liebes Tagebuch,

es ist soweit. Die Generalmobilmachung wurde bekanntgegeben und meine Freunde Gaston, Félix, Gustave, Lazare, Charles und ich, Anselme, wurden einberufen. Und nun sitzen wir hier auf einem LKW, auf dem Weg an die Front. Genaugenommen sind wir nur zu fünft. Félix musste mit einem anderen LKW fahren. Wohin, das wissen wir nicht. Ich hoffe, es geht ihm gut. Was ich hingegen weiß ist, dass an Frieden nicht zu denken ist. Unsere Moral ist auf dem Höhepunkt; aber da ist so eine Sache. Ein alter Veteran hat den Krieg einmal mit zwei Kartenstapeln verglichen, von denen man Karten abhebt und verteilt. Von links nach rechts. Der Friede rückt näher und gleitet wieder davon, füllt und leert sich immer wieder. Doch die Moral, der zweite Stapel, schwindet Stück für Stück. Mal mehr und mal weniger, aber immer unaufhaltsam. Ein merkwürdiger Gedanke…
Lazare haben sie die Trompete gegeben. Sagten, er sei unser Missionsleiter (wenngleich kein Kommandant und wohl nur dessen Stellvertreter, oder so ähnlich) und wäre für die Aufrechterhaltung der Moral verantwortlich. Ausgerechnet Lazare mit einer Trompete. Der arme Tropf könnte nicht einmal einen Mäusezirkus dirigieren. Aber er sieht motiviert aus, als wolle er gleich eine Rede halten und uns Mut machen. Wir fünf blicken einander an und begreifen, dass wir zusammenhalten müssen, wenn wir den Krieg gewinnen (oder zumindest überleben) wollen. Übermorgen soll die Offensive beginnen.

Tag 4

Liebes Tagebuch,

ich sitze auf einem Feldbett und muss an die gestrige Mission denken. Wir sind guter Dinge ins Gefecht gezogen, waren gut vorbereitet. Anfangs ging auch alles glatt, aber dann fing es zu regnen an.  Erst nur ein wenig. Dann begann es regelrecht zu schütten, und zu allem Überfluss blies unser Kommandat mit seiner Trillerpfeife zum Frontalangriff.  Das war wohl zu viel für Gaston. Er verlor die Nerven und zog sich in einem unbeobachteten Moment zurück. Wären wir anderen auch abgehauen wäre das garantiert aufgefallen und man hätte uns als Deserteure erschossen. Glücklicher Gaston. Trotz allem haben wir gesiegt, und ein wenig Land erobert. Heute war ein guter Tag.

Tag 11

Liebes Tagebuch,

Schützengräben sind etwas Schlimmes. Und ein Segen zugleich. Du hörst, wie die Kugeln über dich hinwegfegen oder knapp über deinem Kopf einschlagen und fragst dich, was du eigentlich hier verloren hast. Aber ohne diese matschigen Gräben wären wir alle schon längst tot, und so schreibe ich diese Zeilen, während meine nassen Socken auf einer Munitionskiste liegend neben dem kleinen Feuer trocknen. Unsere heutige Mission wäre beinahe schief gegangen. Es reicht ja nicht, dass wir Temparaturen von knapp über null haben. Es musste auch noch anfangen zu regnen. Schneeregen, um genau zu sein. Die scheußlichste Art von Regen, wenn man mich fragt. Aber das tut ja niemand. Auf halber Strecke hörten wir dann ein Donnergrollen. Zuerst hielt ich es für ein nahendes Gewitter, doch die Wahrheit war viel schlimmer. Artillerie. Wir mussten uns zurückziehen, konnten aber abgesehen von ein paar Kratzern und angekratztem Stolz unversehrt entkommen.

Tag 25

Liebes Tagebuch,

Charles ist gestern Nacht verwundet worden. Nun redet er wirres Zeug von Dämonen in der Dunkelheit, schüttelt sich dabei immer wieder und erstarrt dann vor Angst. Aber das schert den Kommandanten nicht. Er treibt uns bei gezückter Pistole an, weiterzugehen, dem Feind entgegen. Lazare hatte – man glaubt es kaum – eine gute Idee. In einer Feuerpause rief er mich und die anderen zu sich. Er hielt doch allen Ernstes eine Rede, sprach von Zusammehalt, Unterstützung und davon, dass wir den Winter nicht zu fürchten brauchten. Ich weiß nicht, wie es den anderen ging, aber mir wurde richtig warm ums Herz, und ich blickte dem Ende der Mission mit etwas mehr Zuversicht entgegen. Als hätte ich eine Karte der Furcht von mir fortgeworfen.

Tag 36

Gaston ist verstummt. Sagt nichts mehr, sieht uns mit vielsagendem Blick an, als wolle er uns etwas mitteilen. Aber er tut es nicht. Ich bin verzweifelt.

Tag 42

Liebes Tagebuch,

wenn wir vor dem Krieg beste Freunde waren, so sind wir heute wie Brüder. Auf den Missionen sind wir unzertrennlich, und jeder gibt dem anderen Halt. Sonst wären wir schon lange tot. Charles ist wieder einigermaßen auf den Beinen, und unser Zusammenhalt (Lazare, du Teufelskerl) hat ihn seine Phobie vor der Dunkelheit vergessen lassen, aber ich sehe die Resignation in seinen Augen. Gaston hat immer noch kein Wort gesprochen. Seine vielsagenden Blicke sind deutchlich sichtbar geistiger Abwesenheit gewichen. Die Moral wird zunehmend schlechter.

Tag 56

Liebes Tagebuch,

irgendetwas ist mit Gustave geschehen. Seit einigen Tagen ist er kaum zu bremsen, wenn wir ins Gefecht geschickt werden, und heute wäre er fast dabei umgekommen. Der Kommandant hatte zum Rückzug geblasen, aber Gustave gebahr sich wie ein wilder Stier. Feuerte alles was er hatte den feindlichen Linien entgegen und stieß Verwünschungen aus, die ich hier lieber nicht zitieren möchte. Die Mission war ein Fehlschlag. Wir haben uns übernommen und waren uns zu siegessicher gewesen. Ich fürchte, dass uns das noch teuer zu stehen kommen wird.

Tag 61

Frohe Weihnachten.

Tag 62

Liebes Tagebuch,

ich fürchte, dass dies die letzte Seite ist, die ich mit Tinte zu füllen vermag. Wir sind eingekesselt und der Feind hat uns mit Giftgas eingedeckt. Die Filter unserer Gasmasken neigen sich dem Ende zu und wir wissen nicht mehr ein noch aus…

Sollte jemand diese Zeilen lesen, stellen Sie sich diese eine Frage: „Kann Freundschaft stärker sein als der Krieg?“

Ich glaube, ja.

 


Diese fiktiven Tagebuchseiten sollen euch ein Vorgeschmack auf die (demnächst erscheinende) hier verlinkte Vorstellung eines Spiels sein, das bei mir wie bisher kein anderes mit wenigen Mitteln ein Gefühl von Mittendrin gefolgt von bleibenden Erinnerungen hinterlassen hat. Ein Spiel, das ein selten thematisiertes Kapitel des ersten Weltkriegs aufgreift und es respektvoll in einen Satz eingängiger Mechaniken gießt.

Vieles von dem, was hier geschrieben steht, ist so (oder so ähnlich) in unseren Partien passiert. Ich habe es nur ein wenig ausgekleidet.

Pierre

Brettspieler, zelotischer Miniaturenbemaler und Gelegenheitsübersetzer.
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